Einige Reiseregeln für Damen in Gebirgsländern – Teil 2

Hier kommt nun die Fortsetzung zu Teil 1 der Reiseregeln, in denen es um die Gesundheitspflege beim Bergurlaub geht:

3. Gesundheitspflege

Eine Hauptsache bei Gebirgstouren, wobei man Erkältungen so leicht ausgesetzt, ist eine richtige Gesundheitspflege im Allgemeinen, entsprechende Diät und eine möglichst gute Erhaltung der Gesichtshaut. Letzterer Punkt fand bisher wenig Beachtung; daher sieht man im Hochgebirge so viele von der Gletschersonne übel zugerichtete Gesichter, und doch ist es möglich, diese Einwirkungen wenn auch nicht ganz aufzuheben, so doch möglichst abzuschwächen.
Viele Damen, in der Befürchtung, ihren Teint zu verlieren, verzichten auf die schönsten Touren.

Bei großen Wanderungen, besonders vor- und nachher, ist dem Körper kräftige und reichliche Nahrung zuzuführen; für Tagestouren ist genügender Proviant mitzunehmen. Wer früh morgens sich auf den Weg macht, genieße vorher sein gewöhnliches Frühstück nebst weichen Eiern. In den ersten 2-3 Stunden des Marsches thut man gut, nichts zu genießen und gleichmäßig, und besonders im Anfange nicht zu rasch zu gehen, sich wenig oder gar nicht auszuruhen oder, wenn es geschieht, nur im Stehen. Bei scharfem Bergaufgehen dagegen müssen, nach Bedürfnis, Ruhepausen gemacht werden, damit man sich nie im Zustande der Athemlosigkeit befindet. Beim Aufsteigen bewährt sich kalter scharzer Kaffee, je nach Geschmack mit Zucker versüßt, vortrefflich; es sollte dies Getränk das einzige sein, das Damen beim Bergangehen zu sich nehmen. Auf der Paßhöhe oder Bergesspitze, ebenso beim Hinabgehen ist Weingenuß anzurathen, falls nicht wieder Kaffee vorgezogen wird. Für eine starke eintägige Gletschertour ist für eine Person nothwendig: 1 Liter Kaffee, 1 Flasche Wein, Brod, Fleisch, Butter und etwas Salz und Zucker. Wasser, besonders Gletscherwasser zu trinken, sollte ganz vermieden werden, oder doch nur mit Wein gemischt. Ist man Abends im Quartier angelangt, sei zunächst die Wäsche und wenn möglich der ganze Anzug gewechselt; erst dann trete Ruhe ein. Vor dem Schlafengehen sind kalte Abreibungen zu empfehlen.

Kaffe zum raufgehen, Wein zum runtergehen – so stelle ich mir eine gute Wanderung vor 😀

Auf Schneefeldern sind selbstverständlich Schneebrille und Schleier [Anmerkung: der blaue Schleier aus dem vorherigen Beitrag] zu benutzen, und bei kurzer Ruhe auf dem Eise oder auf Felsen, die dem Winde ausgesetzt , ist stets der Plaid resp. die Decke umzunehmen. – Eine besonders sorgsame Behandlung ist den Füßen, von deren guter Erhaltung alles abhängt, zuzuwenden. Damen müssen in dieser Hinsicht äußerst sorgsam sein, da deren Füße weniger abgehärtet und an’s Gehen gewähnt sind, als die der Männer. Die folgende Procedur halte ich für die zweckmäßigste, doch muß dieselbe während der ganzen Wanderung durchgeführt werden. Vor dem Schlafengehen wasche man die Füße kalt, oder lasse sie kalt abreiben, dann mit Spiritus einreiben und alle dem Drucke ausgesetze Stellen mit Hirschtalg bestreichen. Ist eine gedrückte Stelle, oder der Anfang einer Blase vorhanden, dann lege man ein dick mit Hirschtalg bestrichenes Läppchen auf und befestige es. Beim Aufstehen sind die Füße wiederum mit Spiritus und stark mit Hirschtalg einzureiben. Bei etwaiger Rast am Tage, besonders aber sobald man Abends in’s Quartier kommt, ist die kalte Abreibung zu wiederholen und andere Strümpfe und leichte Schuhe anzuziehen. Vor warmen Fußbädern hüte man sich durchaus. Sollten schmerzhafte Blasen entstehen, was bei guten oben beschriebenen Schuhen nicht vorkommen kann, und solche durch Auflegen von Hirschtalg nicht zu curiren sein, dann muß mit einer Stopfnadel ein weißer Wollfaden durch die Blase gezogen und gleich nach Entleeren der Flüssigkeit Spiritus angewandt und Hirschtalg aufgelegt werden. Entzündete schmerzhafte Stellen lassen sich durch kalte Umschläge oder auch durch das Gehen auf Schnee und Eis gut heilen – die Kälte wirkt vortrefflich.

Hirschtalg ist ein altbewährtes Mittel gegen Blasenbildung an den Füßen! Es hält länger an als Vaseline und wird daher auch von Leistungsturnern und Ruderern verwendet. Auch Marathonläufer reiben damit gerne ihre Füße ein.

Unangenehm und schmerzhaft scheint mir die Behandlung der Blasen zu sein, aber welche Blasen sind schon angenehm? Der Hirschtalg scheint mir allerdings eine gute Sache zu sein, denn die Entzündung der Blase wird damit gut geheilt und man kann bestimmt am nächsten Tag wieder ohne Schmerzen laufen.

Wer besonders weiche Füße hat, mag vor Antritt der Reise dieselben durch Lohebäder abhärten. Ein Pfund Lohe (Eichenrinde) wird langsam eine Stunde gekocht und mit dem Waser in nur lauwarmen Zustande zu einem einhalb- bis dreiviertelstündigen Fußbad benutzt, welches ca. fünf Mal im Verlaufe mehrerer Tage anzuwenden ist. Die Füße werden nach solchen Bädern braun, aber widerstandsfähiger.

Eichenrinde wirkt besonders gegen Rötungen und Entzündungen der Haut. Es gibt diese auch heute als Extrakt für Fußbäder zu kaufen. Außerdem soll Eichenrinde auch bei übermäßigem Schwitzen helfen.

Da durch die wechselnde Hitze und Kälte, die dünne Luft und besonders durch die große Erhitzung des Körpers bei Bergtouren die Gesichtshaut sehr angegriffen und wund wird, was äußerst unangenehm wirkt, so schlage ich folgendes von mir selbst mit Erfolg angewendetes Verfahren vor. Man wasche Morgens die der Luft ausgesetzte Haut mit lauwarmer Milch, reibe dann das Gesicht leicht mit Cold-Cream ein und wende dann Pourde-de-riz (Leichner’s Fettpuder, Berlin) ziemlich stark an. Die Lippen sind noch besonders mit Cold-Cream oder guter Lippenpommade einzureiben. Um dem Brennen des Gesichts Abends nach beendeter Tour vorzubeugen, wasche man dasselbe ebenfalls vor dem Schlafengehen mit lauwarmer Milch, und um Staub und Schweiß besser entfernen zu können, mit Mandelkleie und reibe es wieder mit Cold-Cream ein, wobei die Lippen durchaus nicht zu vergessen sind. Die anzuwendende Milch darf aber niemals heiß sein, ebenso ist darauf zu achten, daß man sich nie mit eiskaltem Wasser wäscht, Noch mache ich darauf aufmerksam, daß es sich bei großen Touren sehr empfiehlt, das Haar recht einfach und stets aufgesteckt zu tragen, vielleicht noch ein Netz darüber zu ziehen.

Die „Cold-Cream“ ist eine spezielle Pflegecreme für beanspruchte Haut, die gegen Spannungen und Rötungen helfen soll. Der griechische Arzt Galenos mischte schon im zweiten Jahrhundert Wasser und Bienenwachs mit Olivenöl. Für einen angenehmen Duft sorgten Rosenextrakte. Diese Creme ist außerdem in der Literatur mehrfach erwähnt. Es gibt sie auch heute zu kaufen.

Mandelkleie habe ich auch schon in einem vorigen Beitrag erwähnt. Auch diese ist ein altbewährtes Mittel, insbesondere als Peeling bzw. hautreinigende Pflege.

Schließlich erwähne ich noch, daß man Milch in rohem wie gekochtem Zustande, außer beim Kaffee, nicht genießen soll. Milch ist für den Magen meistens zu schwer, und gegen den Durst ist neben kaltem Kaffee (auch Thee) Quellwasser mit Wein und Zucker gemischt am besten und erfrischendsten. Auch bei größter Erhitzung kann man kalte Getränke ohne Gefahr genießen, wenn man sich nachher nur wieder Bewegung macht. Erwünscht ist, auf Touren etwas Opium, Arnika und alte Leinwand mitzunehmen. – Damen sollten es durchaus vermeiden, irgend etwas außer dem Alpenstock zu tragen, besonders nicht in den Händen, denn die kleinste Last, und sei es ein Buch oder ein Tuch, wird beim Steigen höchst beschwerlich und wirkt ermüdend. Selbstverständlich muß der ganze Anzug äußerst bequem sein und keine Bewegung hindern. Geht man am Seil, muß dasselbe an der linken Seite hinlaufen, so daß man mit der rechten Hand den Alpstock benützen kann.

Von Opium würde ich an dieser Stelle eher abraten, legal ist es jedenfalls nicht und macht dazu noch süchtig 😉 Nett finde ich allerdings, dass die Damen nichts tragen müssen, was in folgendem Absatz noch einmal genauer erwähnt wird:

Wer alle diese Vorschriften befolgt und einen gesunden Körper hat, wird, falls nicht besonders ungünstige Verhältnisse mitsprechen, nicht nur Touren über Gletscher und Berghöhen mit vielem Genuß und ohne besondere Anstrengung und Ermüdung unternehmen können, sondern auch seinen Körper für die Folgezeit widerstandsfähiger und gewandter machen und Erkältungen weniger ausgesetzt sein.

Noch füge ich ein Verzeichnis der Sachen bei, die eine Dame bei einer ein- bis dreitägigen großen Tour (Gletscherpartie) außer dem schon erwähnten Anzug, den sie trägt, mitzunehmen hat. In eine starke lederne Handtasche, 46 cm lang, 36 cm hoch, die durch Riemen zu erweitern ist und ca. 1 1/2 kg wiegt, sind sorgsam zu verpacken: Ein leichtes, wollenes Kleid, ein leinenes und ein wollenes Hemd und Nachtzeug, drei Taschentücher, ein bis drei Kragen und Manschetten, ein Paar Strümpfe, lederne Gamaschen, Morgenschuhe, Toilettengegenstände in kleinster Form: Nähzeug, Streichhölzer und Licht, Insektenpulver, Spiritus, Hirschtalg, Opium und Arnika, letzterer zu Umschlägen bei event. Verletzungen. Die Tasche mit diesem Inhalt würde ca. 5 1/2 kg wiegen, ferner Plaid und Decke 2 1/2 kg, der Proviant 2 kg – zusammen 10 kg, ein Gewicht, das jeder Führer zu tragen verpflichtet ist. Für große Touren werden gewähnlich noch besondere Träger gemiethet, weil auch für die Führer Proviant mitzunehmen ist.

Also wenn ich einen Mann dabei habe, der mir die 10kg Gepäck und Proviant auf den Berg raufschleppt, dann würde ich vielleicht auch wandern gehen…

 

Text: Der Bazar, 1881

Bild: Zentralbibliothek Zürich – Vallée de Chamonix Traversée de la Mer de Glace, zwischen 1902 und 1904

Regina Gschladt

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