Kleiner Ratgeber für Abendgesellschaften

In einem fortlaufenden Ratgeber-Beitrag der Wiener Illustrierte Frauen-Zeitung aus dem Jahr 1900 findet sich unter anderem dieser Abschnitt über verschiedene Möglichkeiten kleiner Abendgesellschaften, sei es mit Freunden, Bekannten oder gesellschaftlicher Unterhaltung.

Die Formen kleinerer Abendgesellschaften sind der Theeabend, das warme Essen, der Bierabend.

Ein feiner Theeabend, an dem ein kleiner Kreis auserlesener Geister sich um den zierlich gedeckten Theetisch sammelt, kann die exquisitesten gesellschaftlichen Freuden bergen; gute Unterhaltung und Behagen, feiner Witz und liebenswürdige Güte gelangen bei dieser Gelegenheit zur Entfaltung. An materiellen Genüssen braucht nichts geboten zu werden als Thee, feine Butterbrötchen mit allerlei Aufschnitt, ein Salat und später eine süße Speise, oder Obst und ein Glas Wein.

Derselbe einfache Zuschnitt, aber statt des Thees von einem Glase Bier begleitet, findet bei der jüngeren Generation jetzt mehr Anklang, und gemeinhin gewinnt dabei auch die Unterhaltung eine kräftigere, lebhaftere Färbung. Teilt sich nachher der Kreis und ziehen sich einige zu einem Spielchen zurück, so schließen die übrigen sich zu fortgesetzter Plauderei um so enger zusammen. Es ist hierbei jedoch darauf zu achten, daß der Kreis nicht so klein werde, um eine lebhafte Unterhaltung nicht mehr möglich zu machen.
Außer einem Spiel oder vielleicht einem Liedvortrag pflegt an kleinen Theeabenden nichts vorgenommen zu werden, und man trennt sich nach etwa dreistündigem Beisammensein.

Einen Abendzirkel mit warmem Essen zu bewirten ist für die Hausfrau ein großes Pläsir. Erstlich kann sie alles bequem vorher zubereiten, die Speisenfolge ist sehr einfach, die Gäste sind meist sehr dankbar für schmackhafte Speisung, und dadurch belebt sich die Unterhaltung rasch. Man kann sehr wohl neben dem reichlich zu bemessenden Fleischstück Bier reichen, ja viele Personen verschmähen auch den Thee nicht. Kartoffeln oder Salat und etwas Kompott als Beigabe, Brot und Käse oder Obst als Nachspeise genügen vollauf. Mit Bier wird fortgefahren, auch nachdem man von Tisch gegangen, falls nicht der Luxus einer Bowle, zu der Cakes gereicht werden mögen, beabsichtigt ist.

Wenngleich bei all diesen Abendvereinigungen das Bier nicht fehlt, so ist es doch dabei nicht so ausschließlich Hauptsache wie beim Bierabend. Dieser tritt in mannigfachen Formen auf, die wir ein wenig näher betrachten wollen. Der einfachste Bierabend ist der des Junggesellen, der seine Freunde dazu in seine Behausung ladet. Er setzt voraus, daß sie geabendbrotet haben, oder wenn nicht, daß sie dies nicht weiter beabsichtigen; jedenfalls bietet er ihnen neben reichlich Bier, in Fäßchen, Flaschen oder Siphon, höchstens einen guten Slat oder eine Mayonnaise, die den Geschmack anreizt.

Ladet ein Eheherr seine Freunde zum Bierabend in sein Haus, was manche Hausfrau trotz der ihr zufallenden Mühen weit lieber sieht, als wenn er das Wirtshaus als Begegnungsort wählt, so wird entweder ein mit belegten Butterbroten und etwas Saurem bestelltes Büffett bereitet, an dem sich jeder nach Belieben erlaben mag, oder man nimmt ein frugales Mahl unter Vorsitz der Hausfrau ein, und die Herren bleiben sodann bei ihrem Skat und Bier, während die Hausfrau von der Bildfläche verschwindet.

Wie oft sie nachher noch an der Thür lauscht oder nach der Uhr sieht, deren Zeiger ohne Rücksicht auf ihre innere Unruhe Stunde um Stunde vorrückt, das wollen wir nicht fragen. Klug ist sie jedenfalls, wenn sie beim Schluß des Vergnügens thut, als schliefe sie seit langem, oder, falls ihr Gebieter erwartet, daß sie aufbleibt, ein so freundliches Gesicht macht, als habe sie sich herrlich amüsiert.

Ist es nicht schön, dass Ehefrauen schon damals nicht besonders große Lust hatten, ihre Ehemänner beim Biertrinken zu sehen? Zumindest wird hier die Alternative aufgezeigt, was Frau für Möglichkeiten hat, sich mit dem Biergenuss ihres Mannes zu arrangieren. Besonders amüsant jedenfalls finde ich den Hinweis, man solle wenigstens so tun als wäre alles in Ordnung. In diesem Sinne können sich die heutigen Frauen zurücklegen und sich damit abfinden, dass es früher auch nicht besser war.

 

Bild: Colorierte Fotografie 1907 via Wikimedia Commons

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