Viktoria-Apparat nebst zwei Mustern für Unterröcke, Shawls u. a. m.

Es gibt Gerätschaften, die in ihrer Einfachheit nicht zu übertreffen sind und selbst heute noch Anwendung finden. Eines dieser Geräte ist ein praktisches System, das es Strickmuffeln einfach macht, etwas strickähnliches zu produzieren. Die Beschreibung der Funktionsweise ist eventuell ein wenig verwirrend. Wer mit dieser Anleitung nicht so ganz klar kommt, kann sich das Strick-Ding von Prym näher ansehen, das auf dem gleichen Prinzip funktioniert, oder auch die vornehmlich für Kinder angebotenen Strick-Vorrichtungen.

Imitation von Strickarbeit

Abkürzungen: St. = Stab, R. = Reihe, M. = Masche, abgeh. = abgehoben, aufg. = aufgenomen, abw. = abwechselnd

Mit Rücksicht auf die vielfach ausgesprochenen Wünsche nach einer leichten, auch von alten Damen mit schwachen Augen auszuführenden Arbeit machen wir heute auf den fast in Vergessenheit geratenen Viktoria-Apparat aufmerksam, mit dem sich mühelos hübsche Unterröcke, Decken u. dergl. mehr anferigen lassen. Der verbesserte Apparat besteht, wie ersichtlich, aus zwei nebeneinander befindlichen, je mit 16 Holzstäben von etwa 2 Cent. Umfang und 3 Cent. Höhe versehenen, an den Querseiten verbundenen Leisten, die dem Tische angeschaubt werden. Für den Maschenanschlag wndet man den Arbeitsfaden, für welchen sich besonders gut Kastorwolle eignet, als Schlinge je um 1 St., zunächst hingehend um die 1. R. von links nach rechts, dann zurückgehend um die 2. R. von rechts nach links. Hierauf leitet man den Arbeitsfaden mit einer Häkelnadel von unten nach oben als M. durch die 1. Schlinge der 1. R., hebt die Schlinge vom St. ab, leitet sie nach der Innenseite und nimmt die aus dem Arbeitsfaden gebildete M. auf den St. In gleicher Weise werden nacheinander ringsum die M. abgeh. und aufg., doch hat man dabei den Faden zwischen den beiden Stabreihen entlang zu führen. Die Muster arbeitet man in hin- und zurückgehenden Touren, zugleich um beide R. und zwar das 1., wie rechts gestrickt wirkende, wie folgt, 1. Tour: (hingehend; der Arbeitsfaden muß stets zwischen den beiden St.-Reihen liegen und die neu aufgenommene M. dürfen nie gedreht sein), 1 M. um den 2. St. der 1. R. und 1 M. um den 3. St. der 2. R aufg., dann stets abw. 1 M. um den zweitnächsten freien St. der 1. R. und 1 M. um den zweitfolgenden St. der 2. R. aufn.; zuletzt 1 M. um den letzten St. der 2. R. – 2. Tour: Zurückgehend um die noch freien St. wie zuvor; zuletzt 1 M. um den 1. St. der 2. R. – Man wiederholt dann stets die beiden Touren bis zur erforderlichen Länge des Streifens.

Das 2. Muster wird wie das vorherige gearbeitet, doch muß in der hingehenden Tour der Arbeitsfaden zur Bildung von linken M. an der Außenseite der St., in der zurückgehenden, für recht M. wie zuvor zwischen den Stäben liegen; für das Abketten der M. häkelt man in der zurückgehendn Tour je die beiden nächsten, sich gegenüberliegenden M. mit einer festen Kettenmasche zusammen.

Die abwechselnd von jeder Seite abgehobenen Maschen scheinen jedenfalls das links-rechts Muster zu ergeben wie im Bild ersichtlich. Wie genau sich der Unterrock für Mädchen zusammensetzt, erfährst du hier:

Unterrock, mit dem Viktoria-Apparat hergestellt, für Mädchen von 7-8 Jahren

Für den hübschen, mit Kastorwolle gearbeiteten, aus sieben Teilen bestehenden Unterrock sind die einzelnen, erforderliche langen Streifen in der Weise des oberen, auf dem Apparat Abb. Nr. 21 gezeichneteten Musters, und der obere Teil in dem unteren der beiden Muster auszuführen; an den fünf vorderen Streifen hat man vor Ausführung dieses glatten Teils die Maschenzahl in der sechst- und viertletzten Tour seitlich je um 1 M. zu vermindern, wofür man die 2 Endmaschen beider Reihen zusammen abhebt, doch ist darauf zu achten, daß sich das Muster hierbei nicht verändert. Die abgeketteten Streifen verbindet man von der Rückseite aus mit f.K. [feste Kettenmasche], wobei in der hinteren Mitte ein etwa 15 Cent. langer Schlitz stehen zu lassen ist, häkelt dann längs des letzteren an der rechten Seite eine Tour, an der linken für eine Untertrittleiste 3 Touren f. M. und begenzt hierauf den unteren Rand des Röckchens wie folgt, 1. Tour: Stets abw. 1 f. M. um die nächste, rechts erscheinende M., 2 f. M. um die folgenden 2 Maschenglieder. – 2. Tour: In die hinteren, wagerechten Maschenglieder arbeitend, * 1 f.K. in die nächste M., 3 Lm. [Luftmasche], für 1 Musche [?] 2mal abw. umgeschlagen, 1 M. aus der folgenden M. aufgenommen und die M. und Umschlagfäden durchgezogen, dann 4 Lm., 1 f.K. in die 1. Lm., 1 Musche in die nächste M., 3 Lm., vom * wiederholt; zuletzt wird der obere Rand eingekräust und zwischen einen mit Knopfschluß versehenen Stoffgurt gefaßt.

Zum Begriff „Musche“ konnte ich leider keine eindeutige Definition finden. Ich nehme an, es handelt sich um die kleinen knotenartigen Gebilde am Rand des Unterrocks (s. Bild). Auch konnte ich bisher noch nicht herausfinden, welche Eigenschaften Kastorwolle hat – außer, dass es wohl widerstandsfähigere Wollgarne als diese gibt – es scheint sich jedoch um eher dicke Wolle zu handeln, was ich in diesem Fall aus der Apparatur ableiten lässt, die relativ dicke Stäbe hat.

Natürlich lässt sich ein solcher Apparat leicht auch selbst herstellen, man findet Anleitungen hierfür zahlreich im Internet. Die Beschreibung oben gibt auch sehr schön die Maße an.

Quelle und Bilder: Der Bazar 1895

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.