Berufswahl unserer Töchter

In diesem interessanten Einblick in die Berufswahl junger Frauen im Jahr 1898 überbringt die Autorin (ich nehme an, dass es eine Frau ist) ihre Meinung, dass basierend auf den Fähigkeiten und Tüchtigkeit der Frau die Belohnung entfällt. Aus heutigem Standpunkt können wir darüber fast nur den Kopf schütteln – fleißig arbeiten und die Bezahlung wird entsprechend berechnet? Leider wissen wir, dass wir uns als Frauen auch heute noch häufig rechtfertigen müssen, dafür kämpfen müssen, einen angemessenen Lohn zu erhalten.

Wo ich mit der Autorin übereinstimme ist bei der Berufswahl auf Veranlagungen, Talente und körperliche Fähigkeiten der Mädchen Acht zu geben. Dieser Ansatz geht heute oft unter, denn häufig werden wir entweder in geschlechterspezifische Rollen gepushed oder es wird bei der Ergreifung einer Laufbahn einem Trend gefolgt. Gleichzeitig ist aber auch zu erkennen, dass es der männlichen Jugend genau so schwer fällt, einen passenden Beruf zu wählen (was ebenfalls im folgenden Artikel genannt wird).

Wenn in einer Familie die Verhältnisse derartig liegen, daß ohne Weiterungen die Töchter zwecks Erwerb vor die Wahl eines Berufes gestellt werden, da prüfe man vorher die Gaben, Neigungen und Körperkraft der Mädchen und schiebe sie nicht unüberlegt in eine Laufbahn, zu der ihre Veranlagung und Gesundheit nicht ausreicht oder die ihrem Streben nicht genügen kann. Es wird hierbei selbstverständlich ebensowenig jeder Irrtum vermieden werden, wie bei den jungen Männern, von denen bekanntlich viele im Laufe ihrer Lernzeit umsatteln, viele der Arbeitslast erliegen, aber es wird doch durch ernste Prüfung der Verhältnisse vor manchem Mißgriff bewahrt.

Jedes Mädchen, das einen Beruf ergreift, soll sich’s gesagt sein lassen, daß in allen Erwerben, ohne irgend eine Ausnahme, tüchtige Kräfte stets gut bezahlten Platz finden, daß aber ebenso in allen Erwerben an mittelmäßigen und geringen Kräften Überfluß ist und diese demgemäß gerine Bezahlung finden. Von Ungerechtigkeit in dieser Beziehung sprechen nur diejenigen, welche die Verhältnisse einseitig ansehen, es findet in der Wirklichkeit ein ganz natürlicher, ja notwendiger Ausgleich zwischen Leistung und Gegenleistung statt.

Aus der Thatsache, daß gute Kräfte auch guten Lohn finden, sollen die jungen Mädchen die Lehre ziehen, daß sie alles daran setzen müssen, sich zu tüchtigen Kräften auszubilden. Sie sollen sich nicht damit zufrieden geben, ihre Lernzeit abzumachen und gegen mäßige Leistung kleinen Verdienst zu finden, sie sollen sich auch nicht einbilden, daß bei gleichbleibender Arbeitsleistung die Einnahme steigen müsse, sondern sie sollen in jeder Stellung das Beste zu leisten, das Meiste hinzuzulernen suchen und sich so nützlich machen, daß die zu erstrebende günstige Bezahlung gern gegeben wird.

 

Quelle: von Br. Hochfelden, Wiener Illustrierte Frauenzeitung 1898

Bild: Le Petit Parisien, supplément litteraire illustré, 1897 via Wikimedia Commons

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